FOMO ist ein lauter Begleiter. Aber an der Börse gehört die Ruhe oft zu den klügsten Entscheidungen.
Es gibt diese Momente an der Börse, in denen plötzlich alle über dieselbe Aktie sprechen. In den Nachrichten, in den Reels, beim Kaffee mit der Freundin. Ein großes Unternehmen geht an die Börse, und es fühlt sich an, als müsste man jetzt sofort dabei sein, sonst verpasst man etwas. Genau dieses Gefühl hat einen Namen — FOMO, die Angst, etwas zu verpassen. Und heute schauen wir uns in Ruhe an, warum gerade dieses Gefühl an der Börse oft ein schlechter Ratgeber ist.
IPO steht für Initial Public Offering, auf Deutsch der Börsengang. Ein Unternehmen, das vorher in privater Hand war, verkauft zum ersten Mal Anteile an die breite Öffentlichkeit. Ab diesem Tag kann jeder mit einem Depot Aktien davon kaufen. Das ist ein großer Moment, oft begleitet von viel Aufmerksamkeit und noch mehr Erwartung.
Sehr häufig läuft ein Börsengang nach einem ähnlichen Drehbuch ab. Am Anfang schießt der Kurs nach oben, getragen von Begeisterung und der Angst, zu spät zu kommen. Alle wollen rein. Und dann, nach den ersten Wochen oder Monaten, kommt die Ernüchterung. Der Kurs gibt nach, manchmal deutlich. Das ist kein Naturgesetz, manche Aktien steigen auch einfach weiter. Aber das Muster ist häufig genug, dass es sich lohnt, es zu kennen.
Ein aktuelles Beispiel, über das viele gesprochen haben, ist der Börsengang von SpaceX im Juni 2026. Die Aktie startete bei einem Ausgabepreis von 135 Dollar, schoss in wenigen Tagen auf über 225 Dollar, und fiel danach wieder zurück. Wer im ersten Hype gekauft hat, saß bald auf Verlusten. Wer abgewartet und beobachtet hat, konnte den Rummel in Ruhe an sich vorbeiziehen lassen.
Jetzt kommt der Teil, den kaum jemand erklärt, und der dir ein echtes Aha-Erlebnis schenkt. Bei einem Börsengang dürfen die frühen Großinvestoren, die Gründer und oft auch die Mitarbeitenden ihre Aktien nicht sofort verkaufen. Sie unterliegen einer Sperrfrist, der sogenannten Lock-up-Periode, die meist mehrere Monate dauert. Erst wenn diese Frist abläuft, dürfen sie verkaufen.
Und genau dann kommt oft viel zusätzliches Angebot auf den Markt. Viele Aktien wollen verkauft werden, und mehr Angebot bei gleicher Nachfrage drückt den Preis. Deshalb gibt es nach einem Börsengang häufig gerade rund um diese ablaufenden Fristen günstigere Phasen. Bei SpaceX zum Beispiel wurden im Sommer Millionen zuvor gesperrter Aktien handelbar, weitere Tranchen folgen über Monate. Wer das weiß, versteht plötzlich, warum der erste Tag selten der beste Einstiegszeitpunkt ist.
Mehr Angebot bei gleicher Nachfrage drückt den Preis. Wenn die Lock-up-Frist abläuft und viele frühe Investoren gleichzeitig verkaufen dürfen, entsteht genau das — und oft eine günstigere Einstiegsmöglichkeit für alle, die geduldig gewartet haben.
Für mich ist die eigentliche Lehre nicht, dass Börsengänge schlecht sind. Im Gegenteil, es kann sehr sinnvoll sein, in ein einzelnes Unternehmen zu investieren, dessen Produkte du nutzt und an dessen Zukunft du wirklich glaubst. Das ist etwas anderes als blindes Mitlaufen mit dem Hype. Es ist eine bewusste Entscheidung für etwas, das du verstehst.
Nur der Weg dorthin darf ein ruhiger sein. Du musst nicht am ersten Tag dabei sein. Du darfst ein Unternehmen erst eine Weile beobachten, schauen, wie es sich schlägt, und dann in kleinen Schritten einsteigen, Tranche für Tranche, statt alles auf einmal in der Euphorie zu setzen. So nimmst du dir den Druck und verteilst dein Risiko über die Zeit.
Und ganz nebenbei: Wenn ein neuer Börsenstar groß genug wird, landet er ohnehin irgendwann in den großen Indizes und damit automatisch in einem breit gestreuten Welt-ETF. Deine Basis wächst also mit, ganz ohne dass du den perfekten Moment treffen musst. Das Einzelinvestment ist die bewusste Ergänzung obendrauf, für die Unternehmen, mit denen du dich wirklich verbindest.
Die Angst, etwas zu verpassen, ist ein lauter Begleiter. Aber an der Börse gehört die Ruhe oft zu den klügsten Entscheidungen. Du darfst warten. Du darfst beobachten. Und du darfst dann handeln, wenn es sich für dich richtig anfühlt, nicht wenn alle anderen es tun.
Bis bald,
deine Aline
Kein Finanzrat: Dieser Newsletter ist eine allgemeine Information und keine Anlageberatung. Einzelaktien schwanken stark, und jede Investition trägt ein Risiko. Welche Entscheidung zu dir passt, weißt am Ende nur du selbst.